Vorhofflimmern durch Sport

Die Studie
Die Forscher um Nikola Drca vom Stockholmer KarolinskaInstitut hatten 44.410 Männer zwischen 45 und 79 Jahren untersucht, von denen zum Startpunkt der Untersuchung keiner unter Vorhofflimmern litt. Im Beobachtungszeitraum von zwölf Jahren entwickelten 4.568 von ihnen ein Vorhofflimmern, darunter besonders viele, die mit 30 Jahren mehr als fünf Stunden pro Woche Sport getrieben hatten. Im Vergleich mit Teilnehmern, die weniger als eine Stunde trainiert hatten, war das ein um 19 Prozent höheres Risiko. Noch größer war es bei denen, die mit 30 viel Sport getrieben hatten, ihre körperliche Aktivität später aber stark zurückschraubten.

Führt sehr viel Sport zu Vorhofflimmern? Laut einer im Mai veröffentlichten schwedischen Studie (siehe oben) sollen solche Herzrhythmusstörungen vor allem bei besonders aktiven Menschen zum Problem werden: bei denen, die mehr als fünfmal pro Woche trainieren. Umfange, die ein Triathlet leicht erreicht. Ist Triathlontraining also gefährlich für Ihr Herz? Wir wollen ein paar Fragen dazu beantworten: Worum geht es eigentlich, was ist Vorhofflimmern, was bedeutet es für Ihren Sport?

KONTROLLVERLUST

Der Herzrhythmus wird normalerweise vom sogenannten Sinusknoten gesteuert, der im rechten Vorhof des Herzens liegt. Beim Vorhofflimmern verliert der Sinusknoten die Kontrolle, da ihn andere, „überaktive“ Zellen aus den Vorhöfen „überholen“. Die Vorhöfe haben dann beispielsweise eine Frequenz von 350 Schlägen pro Minute. Wenn das einfach so zu den Hauptkammern übergeleitet würde, wäre das lebensgefährlich. Dass wir das überleben verdanken wir einem Filter, der zwischen Vorhöfen und Hauptkammern liegt. Er lässt mal mehr. mal weniger Impulse durch und sorgt so dafür, dass die Kammerfrequenz im erträglichen Bereich bleibt. Allerdings geht dabei die Regelmäßigkeit des Herzschlags verloren. Die akute Folge: Erstens kann die Herzaktivität nicht mehr bedarfsgerecht gesteuert werden, zweitens schlägt das Herz völlig ungeordnet: es besteht kein Grundrhythmus mehr. Die mechanische Koordination von Vorhof und Hauptkammern geht verloren. Das setzt die Pumpleistung jedes einzelnen Herzschlags zusätzlich herab. Für einen Sportler bedeutet das, dass beim Auftreten von Vorhofflimmern innerhalb weniger Augenblicke spürbar die Leistung nachlässt. Im Training ist das häufig nur unangenehm, im Wettkampf dagegen entscheidend: Die Pumpleistung des Herzens bricht nämlich um 10 bis 30 Prozent ein. Doch hier geht es nicht um Trainings- und Wettkampferfolge, sondern vielmehr darum, ob man als Triathlet dadurch später ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall hat.

SCHLAGANFALLGEFAHR

Vorhofflimmern ist die am häufigsten vorkommende Rhythmusstörung. Sie spielt bei jungen Erwachsenen fast keine Rolle. Jenseits des vierten Lebensjahrzehnts sind aber bereits zwei Prozent betroffen, im Alter über 80 mehr als zehn Prozent. Die Bedeutung dieser Rhythmusstörung wurde erst in den vergangenen Jahren vollständig erkannt, als klar wurde, dass sie eine der häufigsten Ursachen für Schlaganfälle ist. Die Vorhöfe können der hohen Frequenz nämlich mechanisch nicht mehr folgen und stehen somit still. Dadurch können sich im Herzen Blutgerinnsel bilden. Wenn die sich losen, besteht die Gefahr, dass sie im Gehirn ein Blutgefäß verschließen.

Ursachen für Vorhofflimmern kennt man verschiedene: Herzfehler, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, hormonelle Störungen und Entzündungen im Herzen sind nur einige. Bei jedem dritten Patienten mit Vorhofflimmern kann man aber keine der bekannten Ursachen feststellen. Da Sport gegen einige der genannten Ursachen wirksam schützt, war es umso erstaunlicher, als man 1986 erstmals bemerkte, dass bei jungen Sportlern ungewöhnlich häufig Vorhofflimmern auftrat. Weitere Untersuchungen zeigten, dass vor allem Athleten intensiver Ausdauersportarten betroffen waren. So hat man 52.755 Finisher der Wasa·Skilangläufe der Jahre 1989 bis 1998 nachbeobachtet. Bei gemeinsamer Auswertung aller Altersgruppen trat bei knapp zwei Prozent der Sportler im Zeitraum bis 2005 Vorhofflimmern auf, vermehrt bei Männern, deutlich weniger bei Frauen. Betroffen waren vor allem die Männer, die die besten Zielzeiten hatten und die wiederholt zum Wettkampf antraten. Also die, die vermutlich am intensivsten und längsten trainierten. Bei einer anderen Untersuchung wurde darauf geachtet, dass man nur gesunde Teilnehmer einschließt, da das Ergebnis andernfalls beeinflusst sein könnte durch Vorerkrankungen, von denen bekannt ist, dass sie Vorhofflimmern begünstigen können. Dabei wurden 16.921 gesunde Männer über einen Zeitraum von zwölf Jahren beobachtet, aber auch bei diesen zeigte sich klar die Zunahme von Vorhofflimmern. Das Risiko war ausgeprägter für Männer mittleren Alters und trat vermehrt bei Läufern auf.

Was kann die Ursache dafür sein, dass gesunde Sportler ein Vorhofflimmern entwickeln? Zurzeit werden mehrere Mechanismen diskutiert. Während intensiver und ausdauernder Belastung werden beispielsweise die Herzhöhlen erweitert. Diese Dehnung führt zu einer Änderung in der Reizleitung, der Herzzellspannung und der lokalen Hormonproduktion. Man beobachtet auch entzündliche Reaktionen in den Vorhöfen und narbige Veränderungen. Im Blut kommt es zu Elektrolytverschiebungen, und schließlich folgt eine erhöhte Aktivität des Parasympathikus („Ruhenerv“) und damit eine niedrigere Herzfrequenz. Letzteres konnte experimentell bestätigt werden.

HÄUFIG BEI MÄNNERN

Aber wieso bekommen Männer durch Ausdauersport öfter Vorhofflimmern als Frauen, Frauen dann aber unter Vorhofflimmern mehr Schlaganfälle als Männer? Es gibt noch einige nicht ausreichend erforschte Unterschiede, die vielleicht wichtig sind. Vorhofflimmern gibt es zum Beispiel auch bei vielen Wirbeltieren, wobei unterschiedliche zell- und molekularfunktionelle Auslöser bekannt sind. Bei Tieren scheint das Schlaganfallrisiko keine so große Rolle zu spielen wie beim Menschen. Vielleicht müssen wir in Zukunft verschiedene Arten von Vorhofflimmern unterscheiden, da wahrscheinlich nicht alle gleich gefährlich sind. Aber aktuell muss man davon ausgehen, dass jede Art von Vorhofflimmern das gleiche Schlaganfallrisiko darstellt.

SCHALTER UMGELEGT

Wenn das Herz zu Vorhofflimmern neigt, ist das nicht so, wie man das von anderen Erkrankungen kennt, wo man eine Störung bemerkt, die sich langsam verstärkt und Beschwerden macht, die dann langsam und mehr oder weniger kontinuierlich zunehmen – so wie man als Brillenträger immer mehr oder weniger gleich schlecht sieht und nach einer bestimmten Zeit wegen langsamer Verschlechterung zu stärkeren Brillengläsern wechseln muss. Beim Vorhofflimmern kippt der Rhythmus von normal rhythmisch zu Vorhofflimmern plötzlich um, um später genauso „spontan“ wieder zum normalen Rhythmus zurückfinden. Als ob jemand einen Schalter umlegt. Anfangs kommt das selten vor, vielleicht wenige Male im Jahr, später im Krankheitsverlauf zunehmend, und schließlich wird der Rhythmus täglich mehrmals gewechselt. Auch die Zeitdauer des Vorhofflimmerns nimmt zu. Sie ist am Anfang sehr kurz, im Bereich von unter einer Minute, nimmt dann zu – und schließlich bleibt das Vorhofflimmern tagelang bestehen. Was die Rhythmuswechsel auslöst, kann oft nicht festgestellt werden. In der Regel kommt es über jahre zu einer langsamen Zunahme der Vorhofgröße, was dann wiederum zu Herzklappenfehlern führen kann.

OFT UNBEMERKT

Die meisten Menschen bemerken ihr Vorhofflimmern gar nicht. Das ist ein Nachteil, da man dann keine Schutzmaßnahmen gegen einen Schlaganfall einleiten kann. Sportler haben meist den Vorteil einer viel genaueren körperlichen Selbstwahrnehmung. Wenn der Pulsmesser „spinnt“ und zeitgleich die Beine schwer werden, dann kann eine Rhythmusstörung, also auch Vorhofflimmern, die Ursache sein. Wenn man aus der Ruhe heraus ein leichtes Engegefühl spürt, sollte man den Puls tasten: Ist er regelmäßig? Schlägt er völlig ungeordnet, muss möglichst umgehend ein EKG abgeleitet werden. Wenn der Puls zwar stolpert, also bei erhaltenem Grundrhythmus immer wieder eine Pause oder ein wechselnd kräftiger Extraschlag auftritt, dann ist das kein Vorhofflimmern und in der Regel ungefährlich.

Die Behandlung von Vorhofflimmern ist individuell und hängt nicht nur von den Beschwerden ab. Die erste Frage von Betroffenen lautet oft, ob man weiter Sport treiben darf. Zurzeit ist unklar, ob eine Beendigung der sportlichen Aktivität von Nutzen ist. Es wird daher nicht generell geraten, den Sport zu reduzieren oder ganz einzustellen. Von großer Bedeutung ist die Einschätzung, ob ein Schlaganfallrisiko besteht und ob man behandeln muss. Das Risiko, durch Vorhofflimmern einen Schlaganfall zu erleiden, ist für ansonsten Gesunde (!) ab einem Alter von 65 Jahren relevant. Es wird dann eine Behandlung mit Gerinnungshemmern empfohlen. Diese steht einer weiteren Ausübung von Triathlontraining nicht entgegen.

Wenn das Vorhofflimmern Beschwerden bereitet oder das Herz zu schnell schlägt, muss über eine Rhythmustherapie nachgedacht werden. Hierfür stehen in erster Linie Medikamente zu Verfügung, die anfangs nur bedarfsweise eingesetzt werden. Sie werden genommen, um die Dauer des Anfalls zu verkürzen. Nicht alle diese Medikamente sind leistungsneutral, was aber bei einem Sportler auf Anfrage berücksichtigt wird. Der nächste Schritt wäre eine Dauermedikation, und in besonderen Fällen kann jenseits der medikamentösen Behandlung auch durch Herzkatheter eine Rhythmuskorrektur erfolgen.

GRUND ZUR SORGE?

Die erwähnte Studie (siehe Kasten) hat in der Presse eine große Resonanz gefunden, nicht aber unter Fachleuten. Es war nämlich bereits bekannt, dass intensiver Ausdauersport das Auftreten von Vorhofflimmern begünstigt. Für Fachleute überraschend war nur, dass die Autoren ein besonderes Risiko für die Sportler sehen, die im mittleren Alter viel und intensiv und dann 20 Jahre später deutlich weniger trainierten. Ein schlüssige Interpretation dieses merkwürdigen Befunds gibt es aktuell nicht, er muss erst noch durch weitere Untersuchungen überprüft werden. Auch der Studienleiter Dr. Nikola Drca zieht aus der Studie keine neue praktische Konsequenz für Sportler. Sicher ist: Ausdauersport kann das Auftreten von Vorhofflimmern begünstigen.

Aber hat das auch eine Bedeutung? Um wieviel steigt das Risiko durch Sport und muss man sich als Triathlet darüber Gedanken machen? Betroffen ist vor allem der männliche Ausdauersportler mittleren Alters, der an fünf oder mehr Tagen pro Woche auf hohem Niveau trainiert. Sein Risiko, Vorhofflimmern zu entwickeln, ist durch den Sport 10 bis 20 Prozent höher als das seiner nicht sportlichen Altersgenossen. Das heißt, es steigt für ihn von 2 auf 2,4 Prozent an. Das zeigt deutlich, dass es sich nicht um ein Massenphänomen handelt. Dennoch sollten Triathleten die Hinweise auf Vorhofflimmern kennen und gegebenenfalls einen sportmedizinisch versierten Kardiologen hinzuziehen. Einen Grund, nun das Training umzustellen oder mit Triathlon aufzuhören, gab es nicht und gibt es auch aufgrund der genannten Studie nicht. Es bleibt vielmehr dabei: Der größte Feind der Herzens ist Bewegungsmangel.

Dr. Karlheinz Herrmann 
(Durch Sport aus dem Rhythmus – Triathlon Training Insider. Coach. Experte. Nr 48 Nov-Dez 2014, S. 22-24)