SIPE Syndrom – Von Innen ertrinken

Wenn gut trainierte Athleten beim Schwimmen plötzlich einbrechen, kann ein Lungenödem die Ursache sein. So erkennen Sie das lebensgefährliche „SIPE“ und reagieren im Ernstfall richtig.

Sie stehen fit und gesund am Start, freuen sich auf Ihren Wettkampf. Das Wasser ist vielleicht ein wenig kalt – aber Sie sind gut vorbereitet.

Zu Beginn läuft alles gut. Dann, plötzlich: ein Einbruch. Luftnot, Panik, Angst, zu ertrinken. Eine Ausnahme? Nicht unbedingt. Die Lungenfunktionsstörung „SIPE“ kann jeden treffen, ist lebensgefährlich und im Triathlon gar nicht so selten. Zumindest so häufig, dass sie in einem größeren Teilnehmerfeld gleich mehrere Sportler betreffen kann.

Der Gasaustausch in der Lunge ist ein rein physikalischer Vorgang. Ort des Geschehens sind die Lungenbläschen, von der Atemluft gefüllte ballonartige Räume, deren Membranen von einem Geflecht aus Blutgefäßen durchzogen werden. Der Mensch hat Millionen davon. Durch die Membran eines jeden Lungenbläschens tritt Sauerstoff in das Blut über, gleichzeitig nimmt Kohlendioxid den umgekehrten Weg. Je dünner die Membran zwischen Luft und Blutgefäß ist, desto kürzer ist der Weg für das Gas und desto effektiver ist auch der Gasaustausch. Kommt es zu einer Störung, etwa weil die Membran anschwillt, wird der Gasaustausch behindert. Noch schlimmer wird es, wenn die Lungenbläschen nicht mit Luft gefüllt werden – dann kann kein Gasaustausch mehr stattfinden. Je mehr Bläschen davon betroffen sind, desto größer werden die Atemprobleme.

Die Geschichte der von SIPE betroffenen Athleten – SIPE steht für „swimminginduced pulmonary oedema“, also ein beim Schwimmen entstehendes Lungenödem – ist immer ähnlich: In den Stunden vor dem Rennen und am Start fühlen sie sich noch ganz normal und fit. Dann tritt nach einigen Hundert Schwimmmetern, vor allem, wenn das Wasser kalt ist, plötzlich ein Beklemmungsgefühl auf. Es kommt zu Luftnot und einem Hustenreiz, obwohl kein Wasser verschluckt wurde. Die Belastungsintensität kann nicht mehr aufrechterhalten werden und obwohl der Schwimmer das Tempo drosselt, nimmt die Luftnot weiter zu, Atem und Herzfrequenz steigen. In schweren Fällen bildet sich Schaum vor dem Mund, der dann auch Blut enthalten kann, später kann SIPE zu Bewusstlosigkeit führen. In leichteren Fällen – also wenn der Betroffene den Wettkampf nicht schon beim Schwimmen abbrechen muss – können sich die Beschwerden auch verzögert entwickeln, also erst in der Wechselzone oder zu Beginn des Radfahrens.

Risikofaktoren

  • lange Schwimmstrecken
  • kaltes Wasser
  • Bluthochdruck
  • blutdrucksenkende Medikamente (Betablocker)
  • übermäßiges Trinken vor der Belastung
  • Herzfunktionsstörungen

Überschwemmte Lunge

Die zugrunde liegende Funktionsstörung wurde vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal beschrieben. Es handelt sich, wie der Name schon sagt, um eine Form des Lungenödems, also eine Überwässerung der Lunge. Diese Überwässerung entsteht keinesfalls durch Wasser chlucken, im Gegenteil: Die Lunge wird von innen regelrecht „überschwemmt“. Auslöser ist eine mechani ehe Störung der Gefäßwand, zu der es unter sportlicher Belastung kommen kann. Körperliche Beanspruchung steigert Herzfrequenz und Durchblutung und dadurch steigt auch die Geschwindigkeit, mit der das Blut durch die Gefäße fließt. So kommt es zu einer größeren Reibung de Bluts an den Gefäßinnenhautzellen. Beim Schwimmen werden diese Zellen, die sich natürlich auch in den Blutgefäßen der Lunge befinden, zusätzlich belastet: Durch den Druck des Wassers auf den Körper wird das Blut in den Brustraum geschoben, der Blutdruck im Lungenkreislauf steigt. Auch die horizontale Körperlage begünstigt die Volumenverschiebung, da das Blut von der unteren Körperhälfte leichter als im Stehen in den Brustkorb zurückströmt. Wenn dann auch noch das Wasser eher kalt ist, vermindert der Körper als Schutz vor dem Auskühlen die Hautdurchblutung – noch mehr Blut verlagert sich in das Körperinnere und in den Lungenkreislauf, wo der Blutdruck weiter steigt. Die Gefäßinnenhautzellen der Lungengefäße, die nun stark belastet sind, haben normalerweise die Aufgabe, die Blutgefäße abzudichten und zu verhindern, dass Blutbestandteile in das Gewebe austreten. Wird ihre mechanische Belastungsgrenze überschritten, schließen sie nicht mehr richtig. Flüssigkeit und Blutbestandteile treten aus, verdicken die Membran der Lungenbläschen und behindern den Gasaustausch – Atemnot entsteht. Geraten Blutplasma, -eiweiße und Blutzellen sogar bis in die Lungenbläschen, schäumen sie dort auf. Wird die Belastung nicht 0- fort beendet, entsteht ein Teufelskreis, der tödlich enden kann.

Risiko Bluthochdruck

SIPE ist unter Triathleten keine Seltenheit. Einer wissenschaftlichen Untersuchung zufolge, die vor drei Jahren in den USA durchgeführt wurde, können 1,4 Prozent aller Triathleten von Symptomen berichten, die Fachleute dem SIPE-Syndrom zuordnen. Warnzeichen, die das Auftreten eines SI PE vor einem Wettkampf ankündigen, gibt es leider keine. Man hat jedoch Risikogruppen erkannt. Das Syndrom scheint bei Wettkämpfen erst ab der Mitteldistanz aufzutreten. Denn mit zunehmender Distanz wird auch die Schwimmetappe länger, sodass die auslösenden Mechanismen länger wirken können. Bei Sportlern mit Bluthochdruck besteht bereits in Ruhe eine vermehrte Gefäßbelastung, daher ist es plausibel, das sie bei körperlicher Anstrengung die Belastungsgrenze der Lungengefäße schneller überschreiten und daher öfter betroffen sind. Es gibt zudem Hinweise, dass bestimmte Hochdruckmedikamente (Betablocker) zur Risikoerhöhung beitragen. Wenn vor dem Start besonders viel getrunken wird, kann eine allgemeine Überwässerung eintreten und das Eintreten des Syndroms begünstigen, wie andere Studien zeigen. Genauso gut belegt und nachvollziehbar ist ein erhöhtes Risiko für Sportler mit gestörter Herzpumpfunktion, da bei ihnen der Blutdruck in den Lungengefäßen unter Belastung übermäßig ansteigt. Bisher nicht nachvollziehbar ist eine Beobachtung, nach der der Konsum von Fischölkapseln ein Risiko darstellt. Warum Frauen öfter betroffen sind als Männer, ist ebenfalls unklar.

Keine bleibenden Schäden

Wenn Sie die genannten Beschwerden an sich feststellen, sollten Sie den Wettkampf sofort beenden. Gehen Sie in eine senkrechte Körperhaltung über, halten Sie sich mit minimalem Kraftaufwand der Arme über Wasser und lassen Sie sich an Land bringen. Dort sollten Sie nicht liegend oder gar mit hochgelegten Beinen transportiert oder gelagert werden – Sie sollten unbedingt sitzen, um den Lungenkreislauf zu entlasten. Wichtig ist die Gabe von Sauerstoff, dann stellt sich fast immer eine rasche Besserung ein. Mei t geht e Betroffenen am nächsten Tag wieder gut und glücklicherwei e hinterlässt ein SIPE keine bleibenden Schäden oder Störungen. Wichtig ist aber, dass sich Betroffene nach so einem Vorfall einem Arzt vorstellen. Er kann klären ob vielleicht bisher unbekannte Auslöser zugrunde liegen, die dann künftig ausgeschlossen werden können.

Dr. Karlheinz Herrmann
(„Von Innen ertrinken“ – Triathlon Insider.Coach.Experte März 2013, Nr 109, S.62-63)

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